Verkatert bei Daniel Schreiber

Seit dem mehrwöchigen Verschwinden meines Katers im Dezember, haben wir uns ziemlich voneinander distanziert. Er schaut zwar ab und zu noch vorbei, aber ich würde sagen, momentan ist einfach ein bisschen die Luft raus. Wir verstehen uns nicht mehr. Er war immer nur ein Freund für schlechte Zeiten und Jammertage. Trotzdem schätze ich auch seine Zuverlässigkeit und um dem langsamen Ende unserer jahrelangen Freundschaft entgegenzuwirken, entschied ich mich vor ein paar Tagen dazu, ihm (mithilfe einer Flasche Rotwein in schlechter Gesellschaft) eine Frühstückseinladung für den nächsten Tag zu schicken.

Gesagt, getan. Pünktlich auf die Minute stand er mit klirrenden Glocken vor meiner Tür und war in bester Stimmung. Ich erinnerte mich schlagartig, warum unsere Beziehung damals nicht funktioniert hatte, aber ich blieb ruhig und verbrachte schließlich den ganzen Tag mit ihm. Nahm ihn mit zur Uni, zur Arbeit, zu Freunden und schließlich begleitete er mich zu meinem Bedauern auch noch auf eine Abendveranstaltung, von der ich ahnte, dass sie ihm nicht gefallen würde:

Es war die Lesung zu Daniel Schreibers Buch Nüchtern – über das Trinken und das Glück.

Wir setzten uns müde in die erste Reihe, weil alle anderen schon belegt waren (mein Kater gibt nicht viel auf Pünktlichkeit) und wurden doch etwas nervös als sich der große Mann mit dem kleinen Buch an seinen Tisch setzte und uns freundlich entgegen lächelte. Was folgte war bedeutend.

Daniel Schreiber las eine Geschichte, die persönlich, ehrlich und akut war. Er las von guten Parties, grenzenloser Freiheit, Erfolg und Leidenschaften. Er las ebenso von Filmrissen, Abstürzen, Blamagen und Zweifeln. Ich konnte den Puls dieses Lebens spüren und es zerriss mich unter Katerchen Blöd in sämtliche Ecken, denn er beschrieb dort eine tiefe Freundschaft, eine „große Liebe“, wie er sie nannte, die von Himmelhochjauchzend zu Zutodebetrübt reichte.

Was mir besonders auffiel war, dass die zahlreichen Exzesse und negativen Gefühle scheinbar nicht gereicht hatten, um irgendwie besorgniserregend aufzufallen. Freunde schienen ihn und die Entscheidung, die er schließlich getroffen hatte, nicht ganz zu verstehen, denn er war ja gut drauf gewesen. Er lag nicht jaulend auf den Parkbänken Berlins, verarmt und erfolglos. Stattdessen schien sein Verhalten normal, altersentsprechend, sogar „glamourös“, wie er selbst sagte. Bedenklich unbedenklich. Irgendwie schwierig, die Story in eine der wenigen Schubladen zu stecken, die unsere Gesellschaft anbietet.

Nachdem nun also ein Mann seine Geschichte in einem Raum voller (an)gespannter Menschen in ruhigem Ton erzählt und keines seiner Worte anmaßend, abgehoben oder urteilend gewirkt hatte, stellte ein Schlaumeier die „Frage“, wie Daniel Schreiber denn die vermeintliche Kaffeeabhängigkeit, die für ihn scheinbar ein ebenso großes Problem unserer Gesellschaft war, beurteilte. Eine Frage, die keine Frage war, wurde vom Autor gelassen durch eine (echte) Gegenfrage beantwortet: „Hatten Sie nach ’nem Kaffee schonmal ’n Filmriss?“. Ich merkte, dass ich wütend über diesen Zuschauer wurde, der nicht zu begreifen schien, worum es ging und geht. (Der Kater ist oft gnadenlos mies gelaunt).

Er brachte mich aber auch auf einen Gedanken, der die ganze Alkoholabhängig-ja-oder-nein-debatte irgendwie grundlegend mitbestimmt: Warum zur Hölle besteht so ein großes Problem mit der Problemmachung dieses Themas?

Das ganze ist unbequem.

Wenn mein Freund XY die Menge Alkohol, die er täglich/wöchentlich/monatlich trinkt als „Problem“ diagnostiziert, dann habe ich erst recht eins, oder? So wird jeder gezwungen, sich an seine eigene (Alkoholiker-) Nase zu fassen. Wenn die Nase okay ist, kommt das nächste und noch nervigere Problem: Wieso kann XY nicht genauso richtig und entspannt mit dem guten Tropfen umgehen, wie ich selbst?

Doch damit nicht genug. Entscheidet sich YX, deine Freundin oder du selbst nun dafür, das Trinken einzustellen, horcht die Gesellschaft plötzlich auf! „Das ist doch übertrieben“, „Man muss es doch nicht ganz sein lassen“ etc. etc. Ich frage mich, WER denn eigentlich das Problem mit dem Alkohol hat? Der, der damit aufhört, oder der, der nicht aufhört, die Sache zu hinterfragen? Was interessiert es mich, ob der Kerl neben mir Traubensaft im Glas hat oder Merlot?

Vielleicht ist es die Angst, von nüchternen Augen beobachtet zu werden, ich weiß es nicht.

Als ich den Vortrag verließ, sprach mich ein Kommilitone an, der ebenfalls dort war. „Und, hast du auch ein Alkoholproblem?“ „Haha, natürlich nicht, darauf trinke ich jetzt erstmal einen.“

Ich sehe diese unsensiblen, aus Verlegenheit resultierenden Gespräche, die nach der Lesung geführt wurden, als Resultat der puren Ehrlichkeit und Offenheit Daniel Schreibers. Und selbst wenn viele das Thema nicht ernst nehmen wollen, denn dann müssten sie sich ja selbst ernst nehmen, bin ich mir sicher, dass der Eine oder Andere am nächsten Tag in die Buchhandlung gesneakt ist und sich ein Exemplar von dem Buch gekauft hat, das uns alle etwas angeht.

Ich predige Wasser und trink’ selber Wein. Aber wenigstens bin ich nicht kaffeeabhängig.

 

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