Mitten drin

 

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Es dürfte nichts einfacher sein als das kleine, schmatzende, brummende Wesen zu beschreiben, das meistens liegt, auf dem Rücken, manchmal auf dem Bauch, aber nur wenn es jemand auf den Bauch dreht.

Aber jede Beschreibung scheitert.

Süß trifft es nicht.

Schön trifft es nicht.

Laut trifft es nicht, leise nicht.

Hell trifft es nicht, dunkel nicht, mittel schon mal gar nicht.

Nervig nicht, lustig nicht, langweilig nicht.

Nicht lieb, nicht böse, nicht müde, zornig oder wild.

Nichts trifft es.

Was mich angeht. Ich kann nur staunen darüber, wie es sich anfühlt. Kann mich nur darüber wundern, wie das kleine schmatzende, brummende Wesen mich in die verrücktesten Gemütszustände versetzt. Ver-rückt. Alles ist ein Stück zur Seite gerückt. Bis auf das kleine, schmatzende, brummende Wesen. Das ist mittendrin und zum ersten mal bin da nicht ich.

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Der Fall Carina

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Carina: „Also ich bin mit 2 Brüdern aufgewachsen und habe deswegen eigentlich immer viel Fußball zu Hause geschaut.“

Philipp: „Die Carina kennt sich halt echt n bisschen aus, weil die ja zwei Brüder hat. Also mit der kannste schon mal gucken und auch drüber reden.“

Mama: „Also die Carina kennt sich richtig aus, weil die immer mit geguckt hat mit den dreien.“

Papa: „Ja, die Carina hat immer ganz interessiert mit geguckt.“

Anna: „Die Carina ist ne Freundin von mir und halt voll cool, weil die ist so mega das Girl und voll hübsch und so, krasse Figur, eigentlich schon so ne Tussi fast, aber die kennt sich halt mega gut mit Fußball aus, voll witzig irgendwie.“

Carina hat es weit geschafft – sie wird akzeptiert. Sie hat eine gute Schule vorzuweisen: Ihre Brüder und Papa. Carina kennt sich richtig aus – für ein Mädchen. Und wir reden hier nur übers Gucken, nicht übers Spielen.

Zum Glück ist Carina hot, sonst könnte man meinen, sie sei lesbisch.

Aber süß ist das nicht gerade, dass Carina beim Fußball gucken keine blöden Fragen stellt. Sie scheint auch ziemlich kaltblütig zu sein, was leidende Fußballspieler angeht. Ein verstauchter Knöchel und Platzwunden in verschwitzten Gesichtern lassen sie irgendwie kalt. Irgendwie fragt sie auch nie, wer eigentlich der Typ mit der Fahne an der Seite ist. Sie fragt nie, was ein Abseits…oh ne, das ist so alt, ich lass es. Sie versteht halt einfach das Spiel und das nervt entweder, oder es ist irgendwie total witzig, oder ziemlich cool. Aber eins ist es sicher nicht: Normal.

Nein – keine Sorge. Auch Carina weiß, dass das nicht normal ist und deswegen erklärt sie eben auch gleich, wenn sie wiedermal hört, dass sie sich ja echt n bisschen auskennt: „Also ich bin mit 2 Brüdern aufgewachsen und habe deswegen eigentlich immer viel Fußball zu Hause geschaut.“

Der Sommer dieses Jahr wird wieder hart werden für Carina. Zunächst wird sie geduldig auf die Fragen ihrer Freundinnen eingehen. Das ist der Schiri, das ist ein Elfmeter, das ist der Strafraum, nein, ich find den nicht süß, den auch nicht.

Dann merkt sie irgendwann, dass sich die schwarz-rot-goldenen Fahnen auf den Stirnen ihrer Freundinnen runzeln. Carina macht alles kaputt. Sie möchten ihre Fragen nicht von ihr beantwortet bekommen. Sie wollen generell keine Antworten auf ihre Fußballfragen. Checkt die’s nicht? Sie wollen nur, dass Patrick die Chance bekommt, es ihnen zu erklären. Und Patrick will nur, dass eines der Mädchen endlich fragt. Carina nervt echt.

Einmal wird Carina richtig laut: Lattenschuss. Manche finden es peinlich, manche finden es lustig. Thilo steht auf Carina, sie ist nämlich ziemlich hot, das darf man nicht vergessen. Der findet es voll cool, dass sie auch mal ausrasten kann. Er sagt es ihr. Sie freut sich ein bisschen. Bei der nächsten Torchance bleibt sie still.

Wir müssen Carina helfen. Der Titel des Sommermärchens 2016 lautet: Carina – eine ganz normale Fußball-Fanin. Klingt falsch, leider.

Wir könnten auch versuchen, Fußball zu entflirten. Dann müssten wir aber wahrscheinlich generell eine Geschlechtertrennung beim Public Viewing vornehmen, denn der Mix aus Sommer, Bier, Männlein und Weiblein ist auch ohne rollende Kugel knisternd genug. Außerdem wäre es unfair für Carina. Denn dann würde keine ihrer hotten Freundinnen mehr mit gucken. Sie interessieren sich nicht für Fußball ohne Patrick.

Vielleicht können Carinas Freundinnen sich auch aus Respekt Carina und den hart erkämpften Errungenschaften des Feminismus gegenüber diesen Sommer einfach mal ein bisschen zurück nehmen und nur die Fragen stellen, die sie wirklich interessieren. Oder Patrick könnte Carina zu Liebe keine Antworten mehr auf blöde Fragen geben.

Oder Carina hält einfach mal den Ball flach und akzeptiert, dass Fußball eben nicht nur ein Spiel mit Regeln ist, die aus ernsthaftem Interesse erfragt werden können. Fußball ist Sonne, ist Bier, ist zu laut schreien und sich manchmal dafür schämen. Flirten, kreischen, schwarz-rot-gold, Patrick und Anna, blöde Fragen und halb-Experten.

Wer das nicht erträgt, der kann nach Hause fahr’n, der kann nach Hause fahr’n, der kann, der kann, der kann nach Hause fahr’n.

Selfies machen

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Die Frontkamera am Handy eignet sich am Besten zum Selfie machen. Dafür ist sie da. Ein Selfie machen bedeutet, sein eigenes Gesicht zu fotografieren und das Ergebnis live entstehen zu sehen. Ein Spiegelselfie ist auch ein Selfie, aber eins, wo man den ganzen Körper sieht. Aber ein normales Selfie ist ein Bild vom eigenen Gesicht, aus armlanger Entfernung. Oder Selfiestock. Ein Selfie ist wie ein Spiegel, in den man reinguckt. Und das Bild vom Gesicht wird dann gespeichert. Manchmal stellt man sich vor einen ganz tollen Hintergrund und macht ein Selfie. Dabei wird gezeigt, dass man selbst vor einem ganz tollen Hintergrund steht, zum Beispiel in einer schönen Stadt oder in einem Wald. Man kann sich auch fotografieren lassen mit einem Fotoapparat oder einer Digitalkamera oder der hinteren Kamera vom Handy. Aber das ist dann meistens weiter weg als Armlänge. Das ist dann nicht mehr so nah am eigenen Gesicht.

Selfies sehen oft am schönsten aus, umso kürzer der Arm ist, der das Selfie macht.

Selfies kann man an Freunde schicken. Die schicken dann entweder ein Selfie zurück oder sagen, dass man hübsch ist oder lustig aussieht oder dass man vor einem tollen Hintergrund steht. Sie fragen nie, wer das Foto gemacht hat, das ist ja klar. Es ist ja ein Selfie.

Selfies bieten die Möglichkeit, einfach mal so jemandem sein Gesicht zu zeigen. Wenn man sich ein bisschen unwohl dabei fühlt, jemandem ein Foto von seinem Gesicht zu schicken, das man selbst gemacht hat, dann kann man eine kleine Grimasse ziehen und sagen, dass man die andere Person zum Lachen bringen wollte. Das ist eine gute Absicht. Die andere Person kann dann lachen und einem sagen, dass man lustig aussieht. Oder dass man sogar hübsch ist, wenn man gerade eine Grimasse zieht. Sie kann auch ein Selfie zurück schicken, auf dem sie auch eine Grimasse schneidet.

Manche Leute mögen keine Selfies von anderen Leuten, weil sie ihre Gesichter nicht mögen oder es langweilig finden, ein Gesicht aus armlanger Entfernung zu sehen. Oder weil sie nicht gerne Komplimente machen und nicht wissen, wie sie reagieren sollen, wenn es kein Lachselfie ist. Solchen Leuten kann man Selfies mit lustigen Bildern schicken. Zum Bespiel mit einem Schnurrbart und einer Brille.  Das geht aber nur mit bestimmten Programmen und wenn man sich gut auskennt. Dann müssen die Selfieempfänger kein Kompliment machen, sondern sollen nur „haha“ schreiben oder einen lachenden Smiley. Das ist etwas unkomplizierter.

Selfies sind sehr wichtig, damit wir immer wissen, wie unser Gesicht aussieht und auch, damit andere Leute unser Gesicht nicht vergessen. Ich bin froh, dass es Selfies gibt.

 

Schön

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Mich plagt ein unbestimmtes Gefühl. Eine Mischung aus Beklemmung, Scham, Ekel und Faszination. Wie kann etwas SO schön sein? „Zu schön, um wahr zu sein“ ist mein persönlicher Ohrwurm.

In Momenten der Überschönung bleiben mir nur noch meine instinktivsten Reaktionsoptionen: Kampf oder Flucht. In einer so schönen pastellfarbenen Welt zu kämpfen scheint mir unangebracht und deswegen entscheide ich mich in der Regel für die Flucht.

Ich flüchte aus dem schönen neuen Laden an der schönen Ecke, in dem schönen Stadtteil. Ich flüchte aus dem schönen Café, mit den schönen Tellern und den noch schöneren Tässchen. Ich flüchte aus Restaurants mit wunderschönen hölzernen Speisekarten, aus Fahrradläden mit den schönsten Rennrädern und hübschesten Klingeln. Ich flüchte von Flohmärkten mit den bezauberndsten Döschen, aus Büros mit zuckersüßen goldenen Stiftehaltern in geometrischer Form.

Alles existiert in geometrischer Form. Ich kann nur noch in Quadraten, Kreisen und Trapezen denken. Mein Designer-Dog kackt ein Dreieck auf den Bürgersteig. Niemandem gefällt das.

Ich stoße mit wunderschön gekleideten Joggerinnen zusammen, die ihre hölzernen Smartphone Hüllen in den Händen halten und ihre pastellfarbenen Fingernägel über das sauber polierte Display gleiten lassen. Sie haben Seifenblasen als Hintergrundbild oder – wenn sie mutig sind, wenn sie spröder sind als Seifenblasen – eine noch nie dagewesene geometrische Form.

Jetzt im Frühling ist es besonders schwierig. Überall werden wunderschöne helle Blümchen in geometrisch geformte Vasen gesteckt. Eine steht jetzt auf meinem Schreibtisch. Sie tut mir leid.

Es fliegen Seifenblasen, es werden vegane Muffins gebacken und auf Sammeltellerchen serviert. Latte Art in geometrischer Form und kleine dreieckige Girlanden, wohin das Auge reicht.

Nichts ist hässlich. Alles ist schön.

 

Verkatert bei Daniel Schreiber

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Seit dem mehrwöchigen Verschwinden meines Katers im Dezember, haben wir uns ziemlich voneinander distanziert. Er schaut zwar ab und zu noch vorbei, aber ich würde sagen, momentan ist einfach ein bisschen die Luft raus. Wir verstehen uns nicht mehr. Er war immer nur ein Freund für schlechte Zeiten und Jammertage. Trotzdem schätze ich auch seine Zuverlässigkeit und um dem langsamen Ende unserer jahrelangen Freundschaft entgegenzuwirken, entschied ich mich vor ein paar Tagen dazu, ihm (mithilfe einer Flasche Rotwein in schlechter Gesellschaft) eine Frühstückseinladung für den nächsten Tag zu schicken.

Gesagt, getan. Pünktlich auf die Minute stand er mit klirrenden Glocken vor meiner Tür und war in bester Stimmung. Ich erinnerte mich schlagartig, warum unsere Beziehung damals nicht funktioniert hatte, aber ich blieb ruhig und verbrachte schließlich den ganzen Tag mit ihm. Nahm ihn mit zur Uni, zur Arbeit, zu Freunden und schließlich begleitete er mich zu meinem Bedauern auch noch auf eine Abendveranstaltung, von der ich ahnte, dass sie ihm nicht gefallen würde:

Es war die Lesung zu Daniel Schreibers Buch Nüchtern – über das Trinken und das Glück.

Wir setzten uns müde in die erste Reihe, weil alle anderen schon belegt waren (mein Kater gibt nicht viel auf Pünktlichkeit) und wurden doch etwas nervös als sich der große Mann mit dem kleinen Buch an seinen Tisch setzte und uns freundlich entgegen lächelte. Was folgte war bedeutend.

Daniel Schreiber las eine Geschichte, die persönlich, ehrlich und akut war. Er las von guten Parties, grenzenloser Freiheit, Erfolg und Leidenschaften. Er las ebenso von Filmrissen, Abstürzen, Blamagen und Zweifeln. Ich konnte den Puls dieses Lebens spüren und es zerriss mich unter Katerchen Blöd in sämtliche Ecken, denn er beschrieb dort eine tiefe Freundschaft, eine „große Liebe“, wie er sie nannte, die von Himmelhochjauchzend zu Zutodebetrübt reichte.

Was mir besonders auffiel war, dass die zahlreichen Exzesse und negativen Gefühle scheinbar nicht gereicht hatten, um irgendwie besorgniserregend aufzufallen. Freunde schienen ihn und die Entscheidung, die er schließlich getroffen hatte, nicht ganz zu verstehen, denn er war ja gut drauf gewesen. Er lag nicht jaulend auf den Parkbänken Berlins, verarmt und erfolglos. Stattdessen schien sein Verhalten normal, altersentsprechend, sogar „glamourös“, wie er selbst sagte. Bedenklich unbedenklich. Irgendwie schwierig, die Story in eine der wenigen Schubladen zu stecken, die unsere Gesellschaft anbietet.

Nachdem nun also ein Mann seine Geschichte in einem Raum voller (an)gespannter Menschen in ruhigem Ton erzählt und keines seiner Worte anmaßend, abgehoben oder urteilend gewirkt hatte, stellte ein Schlaumeier die „Frage“, wie Daniel Schreiber denn die vermeintliche Kaffeeabhängigkeit, die für ihn scheinbar ein ebenso großes Problem unserer Gesellschaft war, beurteilte. Eine Frage, die keine Frage war, wurde vom Autor gelassen durch eine (echte) Gegenfrage beantwortet: „Hatten Sie nach ’nem Kaffee schonmal ’n Filmriss?“. Ich merkte, dass ich wütend über diesen Zuschauer wurde, der nicht zu begreifen schien, worum es ging und geht. (Der Kater ist oft gnadenlos mies gelaunt).

Er brachte mich aber auch auf einen Gedanken, der die ganze Alkoholabhängig-ja-oder-nein-debatte irgendwie grundlegend mitbestimmt: Warum zur Hölle besteht so ein großes Problem mit der Problemmachung dieses Themas?

Das ganze ist unbequem.

Wenn mein Freund XY die Menge Alkohol, die er täglich/wöchentlich/monatlich trinkt als „Problem“ diagnostiziert, dann habe ich erst recht eins, oder? So wird jeder gezwungen, sich an seine eigene (Alkoholiker-) Nase zu fassen. Wenn die Nase okay ist, kommt das nächste und noch nervigere Problem: Wieso kann XY nicht genauso richtig und entspannt mit dem guten Tropfen umgehen, wie ich selbst?

Doch damit nicht genug. Entscheidet sich YX, deine Freundin oder du selbst nun dafür, das Trinken einzustellen, horcht die Gesellschaft plötzlich auf! „Das ist doch übertrieben“, „Man muss es doch nicht ganz sein lassen“ etc. etc. Ich frage mich, WER denn eigentlich das Problem mit dem Alkohol hat? Der, der damit aufhört, oder der, der nicht aufhört, die Sache zu hinterfragen? Was interessiert es mich, ob der Kerl neben mir Traubensaft im Glas hat oder Merlot?

Vielleicht ist es die Angst, von nüchternen Augen beobachtet zu werden, ich weiß es nicht.

Als ich den Vortrag verließ, sprach mich ein Kommilitone an, der ebenfalls dort war. „Und, hast du auch ein Alkoholproblem?“ „Haha, natürlich nicht, darauf trinke ich jetzt erstmal einen.“

Ich sehe diese unsensiblen, aus Verlegenheit resultierenden Gespräche, die nach der Lesung geführt wurden, als Resultat der puren Ehrlichkeit und Offenheit Daniel Schreibers. Und selbst wenn viele das Thema nicht ernst nehmen wollen, denn dann müssten sie sich ja selbst ernst nehmen, bin ich mir sicher, dass der Eine oder Andere am nächsten Tag in die Buchhandlung gesneakt ist und sich ein Exemplar von dem Buch gekauft hat, das uns alle etwas angeht.

Ich predige Wasser und trink’ selber Wein. Aber wenigstens bin ich nicht kaffeeabhängig.

 

Fomo – ein Rückfall

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Eigentlich denke ich, dass die chronische Krankheit meiner Teenagerzeit endgültig auskuriert ist, aber dann und wann erleide ich einen fiesen Rückfall und werde von Fomo niedergerafft. Und wenn ich dann gedanklich von Option zu Option hechte, muss ich feststellen: Fomo tut weh! Und: Thank god, that’s over!

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Laut Wikipedia ist die fear of missing out kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild. Ich finde, das sollte man ändern. Lieber liege ich mit Magen-Darm Grippe eingerollt auf den Fliesen meines Badezimmers als mit Fomo fingertrommelnd im Bett. Könnte ich meinen Körper, diesen unverschämten Nebendarsteller mit seinem maßlosen Schlafbedürfnis und den schweren Gliedern doch einfach hier liegen lassen und alleine losziehen. Dann würde ich von Party zu Party schweben, einen kleinen Zwischenstop beim gemütlichen Zusammensein in der Raucherkneipe einlegen, anschließend wohlduftend zum Lesekreis gleiten und auf allen Hochzeiten meiner Freunde gleichzeitig tanzen.

Ich würde Fomo die rote Karte zeigen, weil ich schlichtweg nichts mehr verpasste! Aber hätte, hätte, Fahrradkette. Er ist ja da: Mein müder Körper und er hat leider auch Grundbedürfnisse und manchmal sogar Grenzen. Ein paar meiner Fomo-Freunde haben mir morgens Ritalin und abends eine Lineempfohlen, aber ich bin ein Schisser, und so gebe ich eben klein bei, wenn es wieder heißt: Ab ins Bett, aber zack, zack! Dann renne ich müde durch die Wohnung und suche verzweifelt nach meiner inneren Ruhe, um mich selbst mal so richtig zu enjoyen, aber Fomo nimmt mich ganz schön ein.

Über die vielen virtuellen Spaßvorschriften haben wir ja bereits gesprochen und ja – Facebook, Twitter und Instagram wirken bei Fomo wohl ungefähr so förderlich, wie schmökern mit ’ner Lungenentzündung, aber tatsächliche Ursache von Fomo sind sie wohl nicht. Vielleicht ist es nur der zu einfache Weg dorthin, den sie eröffnen, bestehend aus einem kleinen Wisch übers Smartphone. (Und das ist ja bekanntlich immer da. Wenn nicht, dann rastet Fomo völlig aus und das ist mit kaltem Entzug gleichzusetzen und dementsprechend bekanntlich ungesund und nur in äußersten Notfällen zu empfehlen).

Zurück zu dem allzu einfachen Weg in die Fomo Krise: Du kämest dir wohl ziemlich geistesgestört vor, wenn du trotz Müdigkeit und eigentlich völliger Unlust, irgendwie am (echten) sozialen Leben da draußen teilzunehmen, ständig die Anstrengung auf dich nehmen würdest, den Computer auf und zu zuklappen, nur um mitzukriegen, was du nicht mitkriegst. Aber dank dem smarten Phone kannst du dich easy peasy durch die Erlebnisse der anderen wischen und touchen und Fomo geht es runter wie Öl. Dein Handy macht aus Scheiße Gold, lässt jeden noch so traurigen Smiley irgendwie lustig aussehen und füttert Fomo geradezu fett.

Smartphone ist also schonmal Gift, wenn du unter Fomo leidest.

Was noch? Freunde! Zwar verbringen wir mit denen wesentlich weniger Zeit als mit unseren Smartphones, trotzdem sind sie ein unglaublicher Krankheitsförderer, wenn es um Fomo geht. Die sind im schlimmsten Falle nämlich alle total unterschiedlich und während die eine auf allen Partys der Stadt abdanced, macht sich die andere ’n Gemütlichen Zuhause, der dritte sportelt sich durch die Parks und die vierte demonstriert sich die Füße wund. Kurz: Alle machen unterschiedliche Sachen, alle wollen dich dabei haben (…klar…) und das schlimmste: Du willst überall dabei sein…Denn du leidest an FOMO!!!

Man könnte es auch positiv formulieren, indem man dich als unglaublich facettenreich und weitläufig interessiert charakterisiert. Oder eben einfach nur zu blöd, um zu wissen, was du willst. Ein typisches Symptom von Fomo.

Ein wunderbares Gegenmittel scheint eine Liebesbeziehung zu sein. Die Fomo-Symptome wirken wie weggeblasen und was bleibt ist Yolo im privaten Raum. Aber auch die Beziehung ist nur eine billige Aspirin. Sie gaukelt dir etwas vor, bis du dann irgendwann gemeinsam einsam bist und dann schlägt Fomo gleich doppelt und dreifach zu und was das bedeutet, wissen die Cheater unter uns.

Nein kein Freund, keine Freundin kann dich heilen von Fomo. Du allein musst dich um das einzig wirksame Gegenmittel kümmern: Contenance.

Keine Party, kein Event, auf das du nur gehst, weil Fomo dich zwingt, wird dich glücklich machen. Jedes Mal kehrst du frustriert zurück und musst dir wieder bewusst darüber werden, dass du rein gar nichts verpasst hast, außer die ordentliche Portion Schlaf, den schönen Film und die wunderbare Erfahrung, dir selbst genug zu sein.

Lange habe ich mich von Fomo an der Nase herum führen lassen, bis ich erkannte, dass Zeit limitiert ist und es eh schon in den Schicksalsstein gemeißelt ist, ob ich was verpasse oder nicht. Meinen kleinen Fomo-Rückfall habe ich im Keim erstickt, indem ich die Schocktherapie gemacht und einfach ALLES abgesagt habe. Und siehe da, am nächsten Tag war Fomo wieder weg und das ganz ohne Smartphone, Dancefloor oder Freund. Just me.