Der Fall Carina

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Carina: „Also ich bin mit 2 Brüdern aufgewachsen und habe deswegen eigentlich immer viel Fußball zu Hause geschaut.“

Philipp: „Die Carina kennt sich halt echt n bisschen aus, weil die ja zwei Brüder hat. Also mit der kannste schon mal gucken und auch drüber reden.“

Mama: „Also die Carina kennt sich richtig aus, weil die immer mit geguckt hat mit den dreien.“

Papa: „Ja, die Carina hat immer ganz interessiert mit geguckt.“

Anna: „Die Carina ist ne Freundin von mir und halt voll cool, weil die ist so mega das Girl und voll hübsch und so, krasse Figur, eigentlich schon so ne Tussi fast, aber die kennt sich halt mega gut mit Fußball aus, voll witzig irgendwie.“

Carina hat es weit geschafft – sie wird akzeptiert. Sie hat eine gute Schule vorzuweisen: Ihre Brüder und Papa. Carina kennt sich richtig aus – für ein Mädchen. Und wir reden hier nur übers Gucken, nicht übers Spielen.

Zum Glück ist Carina hot, sonst könnte man meinen, sie sei lesbisch.

Aber süß ist das nicht gerade, dass Carina beim Fußball gucken keine blöden Fragen stellt. Sie scheint auch ziemlich kaltblütig zu sein, was leidende Fußballspieler angeht. Ein verstauchter Knöchel und Platzwunden in verschwitzten Gesichtern lassen sie irgendwie kalt. Irgendwie fragt sie auch nie, wer eigentlich der Typ mit der Fahne an der Seite ist. Sie fragt nie, was ein Abseits…oh ne, das ist so alt, ich lass es. Sie versteht halt einfach das Spiel und das nervt entweder, oder es ist irgendwie total witzig, oder ziemlich cool. Aber eins ist es sicher nicht: Normal.

Nein – keine Sorge. Auch Carina weiß, dass das nicht normal ist und deswegen erklärt sie eben auch gleich, wenn sie wiedermal hört, dass sie sich ja echt n bisschen auskennt: „Also ich bin mit 2 Brüdern aufgewachsen und habe deswegen eigentlich immer viel Fußball zu Hause geschaut.“

Der Sommer dieses Jahr wird wieder hart werden für Carina. Zunächst wird sie geduldig auf die Fragen ihrer Freundinnen eingehen. Das ist der Schiri, das ist ein Elfmeter, das ist der Strafraum, nein, ich find den nicht süß, den auch nicht.

Dann merkt sie irgendwann, dass sich die schwarz-rot-goldenen Fahnen auf den Stirnen ihrer Freundinnen runzeln. Carina macht alles kaputt. Sie möchten ihre Fragen nicht von ihr beantwortet bekommen. Sie wollen generell keine Antworten auf ihre Fußballfragen. Checkt die’s nicht? Sie wollen nur, dass Patrick die Chance bekommt, es ihnen zu erklären. Und Patrick will nur, dass eines der Mädchen endlich fragt. Carina nervt echt.

Einmal wird Carina richtig laut: Lattenschuss. Manche finden es peinlich, manche finden es lustig. Thilo steht auf Carina, sie ist nämlich ziemlich hot, das darf man nicht vergessen. Der findet es voll cool, dass sie auch mal ausrasten kann. Er sagt es ihr. Sie freut sich ein bisschen. Bei der nächsten Torchance bleibt sie still.

Wir müssen Carina helfen. Der Titel des Sommermärchens 2016 lautet: Carina – eine ganz normale Fußball-Fanin. Klingt falsch, leider.

Wir könnten auch versuchen, Fußball zu entflirten. Dann müssten wir aber wahrscheinlich generell eine Geschlechtertrennung beim Public Viewing vornehmen, denn der Mix aus Sommer, Bier, Männlein und Weiblein ist auch ohne rollende Kugel knisternd genug. Außerdem wäre es unfair für Carina. Denn dann würde keine ihrer hotten Freundinnen mehr mit gucken. Sie interessieren sich nicht für Fußball ohne Patrick.

Vielleicht können Carinas Freundinnen sich auch aus Respekt Carina und den hart erkämpften Errungenschaften des Feminismus gegenüber diesen Sommer einfach mal ein bisschen zurück nehmen und nur die Fragen stellen, die sie wirklich interessieren. Oder Patrick könnte Carina zu Liebe keine Antworten mehr auf blöde Fragen geben.

Oder Carina hält einfach mal den Ball flach und akzeptiert, dass Fußball eben nicht nur ein Spiel mit Regeln ist, die aus ernsthaftem Interesse erfragt werden können. Fußball ist Sonne, ist Bier, ist zu laut schreien und sich manchmal dafür schämen. Flirten, kreischen, schwarz-rot-gold, Patrick und Anna, blöde Fragen und halb-Experten.

Wer das nicht erträgt, der kann nach Hause fahr’n, der kann nach Hause fahr’n, der kann, der kann, der kann nach Hause fahr’n.

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