Schön

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Mich plagt ein unbestimmtes Gefühl. Eine Mischung aus Beklemmung, Scham, Ekel und Faszination. Wie kann etwas SO schön sein? „Zu schön, um wahr zu sein“ ist mein persönlicher Ohrwurm.

In Momenten der Überschönung bleiben mir nur noch meine instinktivsten Reaktionsoptionen: Kampf oder Flucht. In einer so schönen pastellfarbenen Welt zu kämpfen scheint mir unangebracht und deswegen entscheide ich mich in der Regel für die Flucht.

Ich flüchte aus dem schönen neuen Laden an der schönen Ecke, in dem schönen Stadtteil. Ich flüchte aus dem schönen Café, mit den schönen Tellern und den noch schöneren Tässchen. Ich flüchte aus Restaurants mit wunderschönen hölzernen Speisekarten, aus Fahrradläden mit den schönsten Rennrädern und hübschesten Klingeln. Ich flüchte von Flohmärkten mit den bezauberndsten Döschen, aus Büros mit zuckersüßen goldenen Stiftehaltern in geometrischer Form.

Alles existiert in geometrischer Form. Ich kann nur noch in Quadraten, Kreisen und Trapezen denken. Mein Designer-Dog kackt ein Dreieck auf den Bürgersteig. Niemandem gefällt das.

Ich stoße mit wunderschön gekleideten Joggerinnen zusammen, die ihre hölzernen Smartphone Hüllen in den Händen halten und ihre pastellfarbenen Fingernägel über das sauber polierte Display gleiten lassen. Sie haben Seifenblasen als Hintergrundbild oder – wenn sie mutig sind, wenn sie spröder sind als Seifenblasen – eine noch nie dagewesene geometrische Form.

Jetzt im Frühling ist es besonders schwierig. Überall werden wunderschöne helle Blümchen in geometrisch geformte Vasen gesteckt. Eine steht jetzt auf meinem Schreibtisch. Sie tut mir leid.

Es fliegen Seifenblasen, es werden vegane Muffins gebacken und auf Sammeltellerchen serviert. Latte Art in geometrischer Form und kleine dreieckige Girlanden, wohin das Auge reicht.

Nichts ist hässlich. Alles ist schön.

 

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Verkatert bei Daniel Schreiber

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Seit dem mehrwöchigen Verschwinden meines Katers im Dezember, haben wir uns ziemlich voneinander distanziert. Er schaut zwar ab und zu noch vorbei, aber ich würde sagen, momentan ist einfach ein bisschen die Luft raus. Wir verstehen uns nicht mehr. Er war immer nur ein Freund für schlechte Zeiten und Jammertage. Trotzdem schätze ich auch seine Zuverlässigkeit und um dem langsamen Ende unserer jahrelangen Freundschaft entgegenzuwirken, entschied ich mich vor ein paar Tagen dazu, ihm (mithilfe einer Flasche Rotwein in schlechter Gesellschaft) eine Frühstückseinladung für den nächsten Tag zu schicken.

Gesagt, getan. Pünktlich auf die Minute stand er mit klirrenden Glocken vor meiner Tür und war in bester Stimmung. Ich erinnerte mich schlagartig, warum unsere Beziehung damals nicht funktioniert hatte, aber ich blieb ruhig und verbrachte schließlich den ganzen Tag mit ihm. Nahm ihn mit zur Uni, zur Arbeit, zu Freunden und schließlich begleitete er mich zu meinem Bedauern auch noch auf eine Abendveranstaltung, von der ich ahnte, dass sie ihm nicht gefallen würde:

Es war die Lesung zu Daniel Schreibers Buch Nüchtern – über das Trinken und das Glück.

Wir setzten uns müde in die erste Reihe, weil alle anderen schon belegt waren (mein Kater gibt nicht viel auf Pünktlichkeit) und wurden doch etwas nervös als sich der große Mann mit dem kleinen Buch an seinen Tisch setzte und uns freundlich entgegen lächelte. Was folgte war bedeutend.

Daniel Schreiber las eine Geschichte, die persönlich, ehrlich und akut war. Er las von guten Parties, grenzenloser Freiheit, Erfolg und Leidenschaften. Er las ebenso von Filmrissen, Abstürzen, Blamagen und Zweifeln. Ich konnte den Puls dieses Lebens spüren und es zerriss mich unter Katerchen Blöd in sämtliche Ecken, denn er beschrieb dort eine tiefe Freundschaft, eine „große Liebe“, wie er sie nannte, die von Himmelhochjauchzend zu Zutodebetrübt reichte.

Was mir besonders auffiel war, dass die zahlreichen Exzesse und negativen Gefühle scheinbar nicht gereicht hatten, um irgendwie besorgniserregend aufzufallen. Freunde schienen ihn und die Entscheidung, die er schließlich getroffen hatte, nicht ganz zu verstehen, denn er war ja gut drauf gewesen. Er lag nicht jaulend auf den Parkbänken Berlins, verarmt und erfolglos. Stattdessen schien sein Verhalten normal, altersentsprechend, sogar „glamourös“, wie er selbst sagte. Bedenklich unbedenklich. Irgendwie schwierig, die Story in eine der wenigen Schubladen zu stecken, die unsere Gesellschaft anbietet.

Nachdem nun also ein Mann seine Geschichte in einem Raum voller (an)gespannter Menschen in ruhigem Ton erzählt und keines seiner Worte anmaßend, abgehoben oder urteilend gewirkt hatte, stellte ein Schlaumeier die „Frage“, wie Daniel Schreiber denn die vermeintliche Kaffeeabhängigkeit, die für ihn scheinbar ein ebenso großes Problem unserer Gesellschaft war, beurteilte. Eine Frage, die keine Frage war, wurde vom Autor gelassen durch eine (echte) Gegenfrage beantwortet: „Hatten Sie nach ’nem Kaffee schonmal ’n Filmriss?“. Ich merkte, dass ich wütend über diesen Zuschauer wurde, der nicht zu begreifen schien, worum es ging und geht. (Der Kater ist oft gnadenlos mies gelaunt).

Er brachte mich aber auch auf einen Gedanken, der die ganze Alkoholabhängig-ja-oder-nein-debatte irgendwie grundlegend mitbestimmt: Warum zur Hölle besteht so ein großes Problem mit der Problemmachung dieses Themas?

Das ganze ist unbequem.

Wenn mein Freund XY die Menge Alkohol, die er täglich/wöchentlich/monatlich trinkt als „Problem“ diagnostiziert, dann habe ich erst recht eins, oder? So wird jeder gezwungen, sich an seine eigene (Alkoholiker-) Nase zu fassen. Wenn die Nase okay ist, kommt das nächste und noch nervigere Problem: Wieso kann XY nicht genauso richtig und entspannt mit dem guten Tropfen umgehen, wie ich selbst?

Doch damit nicht genug. Entscheidet sich YX, deine Freundin oder du selbst nun dafür, das Trinken einzustellen, horcht die Gesellschaft plötzlich auf! „Das ist doch übertrieben“, „Man muss es doch nicht ganz sein lassen“ etc. etc. Ich frage mich, WER denn eigentlich das Problem mit dem Alkohol hat? Der, der damit aufhört, oder der, der nicht aufhört, die Sache zu hinterfragen? Was interessiert es mich, ob der Kerl neben mir Traubensaft im Glas hat oder Merlot?

Vielleicht ist es die Angst, von nüchternen Augen beobachtet zu werden, ich weiß es nicht.

Als ich den Vortrag verließ, sprach mich ein Kommilitone an, der ebenfalls dort war. „Und, hast du auch ein Alkoholproblem?“ „Haha, natürlich nicht, darauf trinke ich jetzt erstmal einen.“

Ich sehe diese unsensiblen, aus Verlegenheit resultierenden Gespräche, die nach der Lesung geführt wurden, als Resultat der puren Ehrlichkeit und Offenheit Daniel Schreibers. Und selbst wenn viele das Thema nicht ernst nehmen wollen, denn dann müssten sie sich ja selbst ernst nehmen, bin ich mir sicher, dass der Eine oder Andere am nächsten Tag in die Buchhandlung gesneakt ist und sich ein Exemplar von dem Buch gekauft hat, das uns alle etwas angeht.

Ich predige Wasser und trink’ selber Wein. Aber wenigstens bin ich nicht kaffeeabhängig.

 

Fomo – ein Rückfall

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Eigentlich denke ich, dass die chronische Krankheit meiner Teenagerzeit endgültig auskuriert ist, aber dann und wann erleide ich einen fiesen Rückfall und werde von Fomo niedergerafft. Und wenn ich dann gedanklich von Option zu Option hechte, muss ich feststellen: Fomo tut weh! Und: Thank god, that’s over!

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Laut Wikipedia ist die fear of missing out kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild. Ich finde, das sollte man ändern. Lieber liege ich mit Magen-Darm Grippe eingerollt auf den Fliesen meines Badezimmers als mit Fomo fingertrommelnd im Bett. Könnte ich meinen Körper, diesen unverschämten Nebendarsteller mit seinem maßlosen Schlafbedürfnis und den schweren Gliedern doch einfach hier liegen lassen und alleine losziehen. Dann würde ich von Party zu Party schweben, einen kleinen Zwischenstop beim gemütlichen Zusammensein in der Raucherkneipe einlegen, anschließend wohlduftend zum Lesekreis gleiten und auf allen Hochzeiten meiner Freunde gleichzeitig tanzen.

Ich würde Fomo die rote Karte zeigen, weil ich schlichtweg nichts mehr verpasste! Aber hätte, hätte, Fahrradkette. Er ist ja da: Mein müder Körper und er hat leider auch Grundbedürfnisse und manchmal sogar Grenzen. Ein paar meiner Fomo-Freunde haben mir morgens Ritalin und abends eine Lineempfohlen, aber ich bin ein Schisser, und so gebe ich eben klein bei, wenn es wieder heißt: Ab ins Bett, aber zack, zack! Dann renne ich müde durch die Wohnung und suche verzweifelt nach meiner inneren Ruhe, um mich selbst mal so richtig zu enjoyen, aber Fomo nimmt mich ganz schön ein.

Über die vielen virtuellen Spaßvorschriften haben wir ja bereits gesprochen und ja – Facebook, Twitter und Instagram wirken bei Fomo wohl ungefähr so förderlich, wie schmökern mit ’ner Lungenentzündung, aber tatsächliche Ursache von Fomo sind sie wohl nicht. Vielleicht ist es nur der zu einfache Weg dorthin, den sie eröffnen, bestehend aus einem kleinen Wisch übers Smartphone. (Und das ist ja bekanntlich immer da. Wenn nicht, dann rastet Fomo völlig aus und das ist mit kaltem Entzug gleichzusetzen und dementsprechend bekanntlich ungesund und nur in äußersten Notfällen zu empfehlen).

Zurück zu dem allzu einfachen Weg in die Fomo Krise: Du kämest dir wohl ziemlich geistesgestört vor, wenn du trotz Müdigkeit und eigentlich völliger Unlust, irgendwie am (echten) sozialen Leben da draußen teilzunehmen, ständig die Anstrengung auf dich nehmen würdest, den Computer auf und zu zuklappen, nur um mitzukriegen, was du nicht mitkriegst. Aber dank dem smarten Phone kannst du dich easy peasy durch die Erlebnisse der anderen wischen und touchen und Fomo geht es runter wie Öl. Dein Handy macht aus Scheiße Gold, lässt jeden noch so traurigen Smiley irgendwie lustig aussehen und füttert Fomo geradezu fett.

Smartphone ist also schonmal Gift, wenn du unter Fomo leidest.

Was noch? Freunde! Zwar verbringen wir mit denen wesentlich weniger Zeit als mit unseren Smartphones, trotzdem sind sie ein unglaublicher Krankheitsförderer, wenn es um Fomo geht. Die sind im schlimmsten Falle nämlich alle total unterschiedlich und während die eine auf allen Partys der Stadt abdanced, macht sich die andere ’n Gemütlichen Zuhause, der dritte sportelt sich durch die Parks und die vierte demonstriert sich die Füße wund. Kurz: Alle machen unterschiedliche Sachen, alle wollen dich dabei haben (…klar…) und das schlimmste: Du willst überall dabei sein…Denn du leidest an FOMO!!!

Man könnte es auch positiv formulieren, indem man dich als unglaublich facettenreich und weitläufig interessiert charakterisiert. Oder eben einfach nur zu blöd, um zu wissen, was du willst. Ein typisches Symptom von Fomo.

Ein wunderbares Gegenmittel scheint eine Liebesbeziehung zu sein. Die Fomo-Symptome wirken wie weggeblasen und was bleibt ist Yolo im privaten Raum. Aber auch die Beziehung ist nur eine billige Aspirin. Sie gaukelt dir etwas vor, bis du dann irgendwann gemeinsam einsam bist und dann schlägt Fomo gleich doppelt und dreifach zu und was das bedeutet, wissen die Cheater unter uns.

Nein kein Freund, keine Freundin kann dich heilen von Fomo. Du allein musst dich um das einzig wirksame Gegenmittel kümmern: Contenance.

Keine Party, kein Event, auf das du nur gehst, weil Fomo dich zwingt, wird dich glücklich machen. Jedes Mal kehrst du frustriert zurück und musst dir wieder bewusst darüber werden, dass du rein gar nichts verpasst hast, außer die ordentliche Portion Schlaf, den schönen Film und die wunderbare Erfahrung, dir selbst genug zu sein.

Lange habe ich mich von Fomo an der Nase herum führen lassen, bis ich erkannte, dass Zeit limitiert ist und es eh schon in den Schicksalsstein gemeißelt ist, ob ich was verpasse oder nicht. Meinen kleinen Fomo-Rückfall habe ich im Keim erstickt, indem ich die Schocktherapie gemacht und einfach ALLES abgesagt habe. Und siehe da, am nächsten Tag war Fomo wieder weg und das ganz ohne Smartphone, Dancefloor oder Freund. Just me.